im kaffeehaus

Das Kaffeehaus ist der Ort, an dem das Gefühl, in Wien zu sein, am stärksten ist. Es vereint für mich alles, was ich mit dieser Stadt verbinde: vom grantelnden Kellner bis zur ewig kritischen älteren Dame, die unterm Tisch ihrem Dackel Stücke ihrer Frühstückssemmel zuwirft; Bauarbeiter, die ihre Mittagspause damit verbringen, in ihr Bierglas zu starren; ein Tisch voll mit Tageszeitungen an hölzernen Zeitungshaltern; abgesessene Bänke, die im schwülstigen K&K Stil tapeziert sind; hie und da zwischen der altmodischen Einrichtung kitschige Einzelstücke, die gleichzeitig entsetzen und faszinieren, weil sie derart grotesk erscheinen.

Das Wiener Kaffeehaus ist so etwas wie ein Rückzugsort für Morgenmuffel, der ideale Arbeitsplatz für Kreative oder Gestresste, und ein Treffpunkt nach der Arbeit für alle, die keine Fernsehjunkies sind und denen es in einer Bar zu laut ist.

Wenn ich im Kaffeehaus schreibe, denke ich manchmal an die vielen literarischen Werke, die zwischen solchen tapezierten Wänden hervorgegangen sind. „Kaffeehausliteratur“ wurde das genannt. Ich sehe sie beinahe vor mir, die „Kaffeehausliteraten“, eine kleine Gruppe bärtiger Männer, „Intellektuelle“. Irgendwie hat der Begriff „Intellektueller“ in den letzten hundert Jahren einen negativen Klang bekommen. Fast so, als ob „gescheit“ oder „gebildet“ zu sein nicht mehr „in“ wäre. Vielleicht gibt es deshalb in den Tageszeitungen so viele Rechtschreib- und Grammatikfehler? Damit nicht der Eindruck entstehen könnte, die Journalisten „reden gescheit daher“?

Zum Glück herrscht im Kaffeehaus noch keine Hierarchie zwischen „einfach“ und „gescheit“. Der grantelnde Kellner ist auch nicht freundlicher, nur weil wer ein „Hofrat“ oder eine „Doktorin“ ist.

b.e.seidl

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